Caritas setzt Arbeit unter schwierigsten Bedingungen fort

Lage in Haiti verschlechtert sich weiter

Die Situation in Haiti ist angespannt. Da die Hauptstadt Port-au-Prince von kriminellen Banden beherrscht wird, verlegt Caritas Schweiz ihren Sitz ins Hinterland. Dank des unermüdlichen Einsatzes der Mitarbeitenden und lokalen Partner läuft die Arbeit weiter. Das ist wichtig, denn die Ernährungssicherheit war noch nie so schlecht wie heute.

Jeannette von Däniken, Sie sind Leiterin des Haiti-Programms von Caritas Schweiz. Wie würden Sie die Lage in Haiti beschreiben?

Die humanitäre Situation ist sehr besorgniserregend und verschlechtert sich immer weiter. In Port-au-Prince sind wieder vermehrt Entführungen und bewaffnete Gewalt zu verzeichnen, bislang jedoch noch unter dem Niveau des Frühjahres. Im Juni kam es in manchen Regionen zu verheerenden Überschwemmungen. Diese folgten auf eine Trockenperiode, die sich bereits negativ auf die Ernte auswirkte. Im Süden kämpfen die Menschen zudem weiterhin mit den Folgen des Erdbebens vom August 2021. Viele Häuser sind nicht mehr bewohnbar oder wurden mit einfachen Planen ausgebessert. Die humanitäre Krise verschlimmert sich. Nie zuvor war die Nahrungsmittelversorgung so vieler Menschen in Gefahr. Es bleibt zu hoffen, dass die aktuelle Hurrikan-Saison, die von Juni bis November andauert, so ruhig wie möglich verläuft.

Caritas Schweiz organisiert ihre Hilfe in Haiti neu. Wie muss man sich das vorstellen?

Nach der Entscheidung der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), sich aus der Entwicklungskooperation in Haiti zurückzuziehen und lediglich ein humanitäres Hilfsprogramm fortzuführen, mussten wir ein Projekt vorzeitig aufgeben. Wir müssen nun andere Geldgeber suchen, um unser Programm in Haiti nachhaltig zu sichern. Für den Augenblick werden wir unsere Aktivitäten auf die bestehenden Projekte beschränken und uns auf eine kraftvolle Rückkehr mit neuen Projekten vorbereiten. Darüber hinaus haben wir beschlossen, unser Büro in Haiti von Port-au-Prince nach Les Cayes zu verlegen. Dort führen wir bereits ein Projekt durch, zudem gibt es weniger Bandengewalt.

Wir versuchen stets, die langfristige Perspektive unserer Projekte beizubehalten. Mit unseren Aktivitäten tragen wir dazu bei, die Lebensaussichten der Menschen nachhaltig zu verbessern. Gleichzeitig arbeiten wir daran, die dringendsten Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung zu decken. Dank der Flexibilität, der Kompetenz und der Kreativität unserer Mitarbeitenden vor Ort können wir uns an die komplexen und unbeständigen Verhältnisse anpassen. Nicht zu vergessen sind unsere lokalen Partnerorganisationen. Trotz der geringeren finanziellen Mittel, die uns heute zur Verfügung stehen, tun sie ihr Möglichstes für die Bevölkerung in Haiti.

Was kann die Caritas angesichts der vielen Probleme tun?

Caritas Schweiz ist seit 1976 in Haiti aktiv und musste sich in all den Jahren ständig an Veränderungen anpassen. In dieser Zeit hat unser Team gelernt, flexibel zu bleiben und schnell auf Notsituationen und neue Bedingungen zu reagieren. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir keinen Plan haben. Vielmehr müssen wir diesen immer wieder neu ausrichten, ohne dabei unsere Ziele aus den Augen zu verlieren. Es hat sich zudem für uns als sehr förderlich erwiesen, engen Kontakt mit unseren Geldgebern zu halten. So sind sie stets informiert und, wenn es erforderlich ist, um die Bevölkerung weiterhin zu erreichen, recht offen für Anpassungen im Rahmen der Projekte und der Budgets.

Ausserdem arbeiten wir mehr und mehr ausserhalb der grossen Städte und mit einem Mindestmass an Material, das aus Port-au-Prince herbeigeschafft wird. So sind wir weniger von den Spannungen und der Unsicherheit in der Hauptstadt betroffen.

Welche Perspektiven gibt es derzeit?

Wir sind entschlossen, in Haiti zu bleiben. Aktuell implementieren wir ein Projekt zur Verbesserung der Nahrungsmittelsicherheit in der Gemeinde Cavaillon in der Nähe von Les Cayes. Wir arbeiten mit einem lokalen Partner zusammen sowie bäuerlichen Familien, handwerklichen Saatgutkooperativen und Kleinstunternehmen, die landwirtschaftliche Erträge verarbeiten. Damit streben wir einen vielfältigeren Ackerbau an und gewährleisten die lokale Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln. Langfristig planen wir weitere Projekte in drei Bereichen: dem Management von Wassereinzugsgebieten, dem Schutz natürlicher Ressourcen und dem Einsatz von grüner Energie im Süden Haitis.

Geschrieben von Fabrice Boulé, Leiter Team Communication Suisse romande, Caritas Schweiz

Interviewanfragen und weitere Informationen: medien@caritas.ch

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Titelbild: © Daniel Kedar